Zur Ästhetik des Schrotts

Muss es ausgerechnet Rost sein?
Nicht selten erfährt eine öffentlich vor sich hin rostende Stahlplastik eine hochgradige Verachtung seitens des Betrachters aufgrund der naheliegenden Assoziation, sie sei aus Abfallartikel gemacht. Aber nicht alles, was rostet, ist auch Schrott!
Der Rost selber lädt nicht gerade zum Anfassen ein und fordert eine distanzierte Betrachterhaltung. Kann man sich jedoch von der negativen Bedeutung des Rosts lösen, so liefert er ein Zeugnis der vergehenden und schon vergangenen Zeit. Diese ist im Falle einer Grundierung und anschließenden Übermalung nicht mehr gegeben. Durch eine farbige Fassung leugnet das Werk meist seine Materialität und seine Vergänglichkeit. Andere Möglichkeiten der Oberflächengestaltung werden an großdimensionierten Stahlplastiken kaum genutzt, weil sie aus der für große Werke angemessenen Entfernung nicht wahrgenommen werden können.

Die Schönheit
Diese Kunst des rostigen Stahls hat sicher ebensoviel Schönheit zu bieten wie die Kunst des 19. Jahrhunderts, aber jeder hat einen eigenen Begriff von Schönheit und so findet sich ein weit gefächertes Bild. Schönheit ist zwar nicht mehr das wichtigste Ziel der Kunst, aber sie existiert weiterhin, nicht auf diktierte Weise, sondern aus werkeigenen Gesetzlichkeiten.
Art und Grad der Schönheit werden natürlich von den KünstlerInnen selber ausgewählt und ausgelotet, sie sind aber auch wesentlich vom Material bestimmt und manchmal sogar vom Ort der Präsentation - durch das isolierte Aufbewahren im Museum wird ein Werk für den Betrachter sogar zur Schönheit gemacht. Je nach Maßgabe des/der KünstlerIn wird eine Menge an Schönheit einer Menge an Hässlichkeit gegenübergestellt und damit das Infragestellen mehr oder weniger weit betrieben. So halten diese präsentierten Werke eine Menge Überraschungen bereit und man muss darauf gefasst sein, dass ihre Schönheit permanent durch Hässlichkeit bewusst verletzt wird!

Stilistische Einordnungen
Aufgrund der vorgefertigten Halbzeuge ist plastisches Denken in einfachen Grundformen erforderlich und zieht eine reduzierte Formensprache, strenge konzentrierte Formationen und geometrische Figurationen nach sich. Das Material bietet aber auch die Möglichkeit zu überdimensionalen Arbeiten. Durch Mittelachsen und Frontalitätsdenken entstehen Werke mit großer archaischer Wirkung. Aber auch konzeptuelle und minimalistische Arbeiten bieten sich in diesem Material an. Vorbilder liefert der russische Konstruktivismus und die Mehransichtigkeit des Kubismus. Andere Stahlplastiken sind aus den stilistischen Tendenzen der 60er Jahre abzuleiten, insbesondere von den französischen "Nouveaux Realistes", einer Künstlergruppe, die gefundene Objekte zu großen Maschinerien zusammenfügten und den Aspekt der Alltagsästhetik und der Kinetik mit in das Kunstwerk hineinnahmen. Vorbilder wie Tinguely und Luginbühl sind nicht von der Hand zu weisen.
Die Geschichte der Eisenplastik ist über 100 Jahre alt, seither versuchen KünstlerInnen sich das Material zu eigen zu machen und es für ihre Aussagen zu nutzen.